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Grau, neblig, nass, kalt...

Aktualisiert: 23. Nov 2019

...so schaut es im Moment draussen aus. Da denke ich doch gerne an eine Tour letztes Frühjahr zurück, bei der der Sommer schon deutlich anklopfte.


Sonntag, der 22. April 2018. Heute ist statt des Schwarzwalds mal wieder Frankreich dran, das Elsass und die Vogesen. Ich fahre um 10 Uhr los Richtung Westen, lasse Breisach mit seinem schönen Stadtberg rechts liegen und überquere den Rhein. Sofort fällt mir wieder auf, wie anders hier alles aussieht: Die Straßenmarkierungen sehen im Vergleich zu unseren deutschen ein wenig improvisiert und hier und da eher zufällig platziert aus, die Straßenschilder sind meist kleiner, unscheinbarer. Überhaupt herrscht bei Allem ein wenig französisches laissez faire, die Häuser müssen nicht so einheitlich und unauffällig gestrichen sein usw.


Durch Colmar zu Fahren ist ein Fehler, die Straßenführung ist reichlich verwirrend und verwinkelt. Mit ein-, zweimal falsch Abbiegen trotz Navi schaffe ich den Weg durch die Stadt. Aber nächstes Mal fahre ich wieder aussen rum.


So, jetzt bin ich ja schon in Turckheim am Eingang des Tals, das zum Col de la Schlucht führt. Aber natürlich nehme ich nicht die ziemlich gerade verlaufende D417 durch das Tal, sondern biege nach Norden ab, hinauf nach Trois Épis. Hier geht es schon erfreulich kurvig zur Sache. Bei Soultzeren stoße ich dann auf die D417, die sich jetzt auch, wie es sich für eine Gebirgsstraße gehört, durch den kühlen Wald schlängelt.


Oben auf der Passhöhe des Col de la Schlucht steht Bike an Bike dicht gedrängt auf dem Parkplatz des Bistro. Ich gönne mir ein erstes alkoholfreies Bier. Der nette Mann an der Theke ist offenbar auf dem "Die-blöden-deutschen-Touristen-zocken-wir-mal-anständig-ab"-Trip. Auf meine 20 Euro rückt er erst mal nur 10 Euro Wechslgeld raus. Erst auf meinen Hinweis, dass bei 4 Euro Bierpreis ja noch etwas fehlt, rückt er die fehlenden 6 Euro heraus, die er schon in der anderen Hand bereit hält. Versuchen kann man's ja.


Die Toilette ist auch ein Erlebnis. Am Pissoir stehend stößt eine die Toilette betretende Madame einen kleinen spitzen Schrei aus, weil sie die Unisex-Toilette mit mir teilen muss.

Ich marschiere den Berg auf der anderen Straßenseite hoch durch einen wunderbaren Urwald aus Buchen, zumindest halte ich die Bäume dafür. Sie sehen hier oben anders aus, deutlich knorriger, mit dicken Schichtren aus Moos und Flechten am Stamm. Der Ausblick von einer kleinen Aussichtskanzel in das Rhenital ist wunderbar. Schade, dass 95 Prozent der Biker zwar die tollen Kurven hier in den Vogesen lieben, die Landschaft daneben aber ignorieren. Ich bleibe immer wieder stehen, wenn ein schönes Panorma oder ein Fels, eine Burg oder sonst eine Erhöhung in der Landschaft mich dazu verleitet raufzuklettern. Das liegt wohl an meinen bayrischen Genen, das Raufsteigen liegt mir im Blut. Außerdem will die Sony mit Fotos gefüttert werden.


Mir wird von etlichen Bikern auch wieder mal in Erinnerung gerufen, warum wir einen so schlechten Ruf haben. Immer wieder loten welche die Gleitfähigkeit ihrer Kniescheiben auf Asphalt aus. Sicherheitsreserven dabei? Null. Wobei die hier schon sinnvoll wären: Unübersichtliche Spitzkehren, Autobusse, die in der Kurve die gesamte Straßenbreite vereinnahmen, Steinbrocken auf der Fahrbahn, Sonntagsfahrer mit Hut und eingehäkelter Klorolle auf der Hutablage, auf die man vorzugsweise hinter nicht einsehbaren Kurven trifft, wie sie mit Warp Minus 3, so um die 40 km/h, über die Landstraße jagen.


Jetzt verstehe ich auch den Sinn der aufgebohrten Schalldämpfer, die ich schon minutenlang durch den Wald rören höre, bevor ich sie sehe: Die wollen uns vorwarnen. Achtung, hier kommt einer, dem die Straße gehört! Alles aus dem Weg!


Also, aus der geplanten Route des Cretes wird es heute nichts. Die ist wenige Kilometer nach dem Col de la Schlucht immer noch gesperrt. Den Grand Ballon werde ich also ein anderes Mal besuchen. Das ist aber auch kein Problem, es gibt ja noch genug Kurven und Pässe hier im Elsass. Ein Col de Dingsbums nach dem anderen Col de la Sowieso. Also fahre ich westlich hinunter nach La Bresse und gönne mir dort einen Teller Nudeln, wieder ein alkoholfreies Bier und einen Espresso.


Das schmale Zickzack-Sträßchen hinauf zur Skistation Brabant ist gesäumt von frischem Baumgrün, führt hinüber zum Col de la Vierge und weiter zum Col de Bramont. Ich glaube hier ist es, wo ich wieder mal auf einen Hügel neben der Straße Kraxeln muss. Dort oben lassen viele ihre Lenkdrachen in den blauen Himmel steigen und versuchen, die paar Wölkchen anzukratzen, die sich da oben tummeln.


Auf dem weiteren Weg, der Rue de Bramont, durfte ich kurz vor einer der zahlreichen Haarnadel-Linkskurven einem Motorradfahrer in die schreckgeweiteten Augen blicken. Er stand direkt an meinem rechten Straßenrand. Offenbar kam genau diese eine Kurve völlig unerwartet nach den etwa zehn Haarnadelkurven zuvor und war dann noch so fies, ihn komplett, aber sowas von komplett, an seinen linken - beziehungsweise meinen rechten - Straßenrand zu katapultieren. Da ist der rote Goldwinger ja noch ziemlich gut dran, der sich kurz darauf lediglich in meiner Fahrbahnmitte breitmacht.


Der Lac de Kruth-Wildenstein verlockt mich eigentlich dazu, meine Füße, die bei 25 bis 30 Grad in den Stiefel im eigenen Saft garen, ein wenig abzukühlen. Die Unmassen an Autos, die den Straßenrand auf langer Strecke zuparken, bringen mich aber recht schnell wieder von diesem Gedanken ab. Also fahre ich weiter über Lautenbach und Soultzmatt nach Rouffach, wo ich mich dann schon wieder in der Rheinebene befinde. Die habe ich schnell durchquert. Vorbei geht es an Fessenheim mit dem maroden ältesten Aomkraftwerk Frankreichs, das ich von zu Hause aus sehen kann.


Acht Stunden und 330 Kilometer später komme ich um 18 Uhr zu Hause in Bad Krozingen an.


Es war eine sehr schöne Frühjahrstour bei sommerlichen Temperaturen. Und was habe ich gelernt? Fahre bei schönem Motorradwetter besser nicht am Sonntag in ein Motorradparadies, außer du willst das Herdentier in dir ausleben. Und, wieder mal, rechne immer und überall mit Menschen, die sich überschätzen und damit nicht nur sich selbst, sondern auch mich und die anderen Verkehrsteilnehmer gefährden.

Aber das nur am Rand. Wie ist nochmal dieser bescheuerte und so hippe Ausdruck, der in diesem Fall aber ganz gut passt: Am Ende des Tages ist es der Gesamteindruck, der bleibt: Ein super Tag.





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