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Labskaus, Smörrebröd, Schwammerl und Marillenknödel

Aktualisiert: Sept 20

Mein gut fünfwöchiger Sommerurlaub führte mich durch die verschiedensten Regionen Deutschlands und zum Schluss durch Österreich und Südtirol. Landschaften, Stimmungen, Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und natürlich auch landesspezifische Speisen: Eher Strengeres wie Matjes und Labskaus an Nord- und Ostsee, Handfestes, Bodenständiges ohne Kinkerlitzchen wie Semmelknödel mit Schwammerl (für die Nordlichter: Pilze) in Bayern bis hin zu Klassikern wie Pizza und gaumenschmeichelnden Marillenknödeln in Südtirol.


Erstmals mache ich mich mit dem neuen VW-Bus zu einer längeren Reise auf, ausgebaut als Campingmobil mit kleiner Küche und Hubdach zum Schlafen. Und - wichtigste Zutat! - meine Rosa , die ich über eine Rampe in den Laderaum reinfahre bzw. mit einer Seilwinde reinziehe. Mit dem Bus überbrücke ich größere Strecken relativ schnell, werde bei Regenwetter dabei nicht nass, und mache alle paar Tage an einem anderen Campingplatz Station. Von dort unternehme ich dann kleinere oder größere Tagestouren mit Rosa, je nach Lust und Wetter.



Die erste und längste Etappe bringt mich an die Nordsee, genauer gesagt nach Ditzum an der Ems nahe Leer. Flaches Land, lediglich Dünen als einzige kleine Erhebungen. Pässefahren ist hier logischerweise Fehlanzeige. Allerings sind die Straßen zu meinem Erstaunen teilweise doch recht kurvig und stellenweise nicht mehr als Feldwege.


Sankt Peter-Ording ist die nächste Station. Hier und im Krumhörn finde ich vor, was ich mir unter Nordsee vorstellte: Dünen, Leuchttürme, dahinter Marschland und breite Sandstrände. Im Hinterland freue ich mich über die typischen Reetdächer auf einzelnen oder in kleinen Gruppen stehenden Bauernhäusern, Windmühlen und die moderne Variante, Windräder zu Hunderten. Ich kann nicht nachvollziehen, dass diese die Landschaft verschandeln sollen. Im Gegenteil, ich finde sie interessant und ästhetisch.


Schleswig-Holstein durchquere ich nach Eckernförde an der Ostsee, wo wir 2012 unseren ersten gemeinsamen Familienurlaub verbracht hatten. Wieder bin ich erstaunt, wie hügelig die Landschaft hier ist, mit viel Grün, stellenweise fast so, wie im bayrischen Voralpenland. Fehmarn ist dagegen platt wie eine Flunder. Hier kaufe ich in der Imkerei "Honigdieb" leckeres, klebriges Süßzeug.


Dann geht es nordwärts und über die imposante kilometerlange Brücke über den großen Belt nach Kopenhagen. Die Stadt besticht durch ihre unzähligen historischen Bauten und dazwischengestreuten hochmodernen Design-Gebäude, Kanäle, die unvermeidliche Kleine Seejungfrau, viieeele Radfahrer und Smørrebrød. Der Campingplatz liegt nahe dem Stadtzentrum, das mit den hervorragenden öffentlichen Nahverkehrsmitteln schnell erreicht ist. Für den geplanten Abstecher über den Øresund nach Malmö / Schweden reicht die Zeit leider nicht.


Von Gedser setze ich mit der Fähre über nach Rostock. Das nahe Dierhagen ist meine nächste Station. Von hier erkunde ich die Ostseeinsel Rügen mit ihren berühmten Kreidefelsen. Eine offenbar geschickt plazierte und für mich nicht erkennbare Geschwindigkeitsbegrenzung in Rostock kostet mich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen insgesamt über 200 Euro Bußgeld.


Dann lasse ich die Küste hinter mir und übersiedle nach Priepert in der Mecklenburgischen Seenplatte, direkt an einem der unzähligen Seen. Hier finde ich Straßen vor wie bisher nirgendwo in Deutschland, teilweise nicht asphaltiert und oft noch mit dem Kopfsteinpfalster aus der Raubritterzeit. Irgendwo im Niemandsland treffe ich ein nettes Paar mit ihren GS. Es ist schön nach längerer Zeit wieder mal heimatliche Klänge zu hören. Er enttarnt sich sprachlich nämlich nach wenigen Worten als Oberpfälzer.


In Berlin Kreuzberg besuche ich meinen Schulfreund Klaus, der mich durch die lebendige und quirlige Großstadt führt, die aber erstaunlicherweise auch mit großen grünen Ruhezonen glänzt.


Der Kurort Gorisch liegt in der Sächsischen Schweiz. Sachsen überrascht mich mit seiner spannenden und abwechslungsreichen Landschaft: Sanfte Hügel, tiefe Täler, die behäbige dahinfließende Elbe und dazwischen immer wieder die bizarren Formationen der Elbsandsteinfelsen. Auf vielen thronen mehr oder weniger erhaltene Burgen. Auch das Motorradfahren wird hier wieder interessanter.


Deprimierend, aber zumindest fotografisch auch wieder spannend, sind die zahlreichen verfallenden Gebäude auf dem Land.


Dresden ist natürlich auch einen Ausflug wert.


Auf dem Weg südwärts durchquere ich Tschechien mit einer bezaubernden Hügellandschaft im Norden, einer sehr gut ausgebauter Autobahn und daneben Staßen, die mehr aus Schlaglöchern als Asphalt bestehen.


Zum Motorradfahren noch spannender wird es im Bayerischen Wald. Hier campiere ich in Regen direkt am Fluss Schwarzer Regen. Den Hohen Arber "erklimme" ich mit Hilfe der Seilbahn und genieße endlich wieder Berge.




Danach folgen einige Tage in meinem Heimatdorf bei meiner Mutter und Schwester mit Familie. Ein Besuch im Bräustüberl steht auf dem Plan, in dem ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe, weil meine Großeltern dort die Wirtsleute waren. Der obligatorische Abstecher auf die Rossfeld-Panoramastraße und ins Salzburger Land sind motorradtechnisch und landschaftlich ein Hochgenuss.



Gesteigert werden diese Gefühle noch an den nächsten Stationen. In Ainet bei Lienz in Osttirol suchen mich nachts schwerste Gewitter mit Sturzregen und Hagel heim. Dass der Campingplatz unmittelbar an der wilden Isel liegt, beruhigt mich nicht unbedingt. Zum Glück bleiben meine Ausflüge auf die Großglockner-Hochalpenstraße, die Pustertaler Höhenstraße, zum Misurinasee und den Drei Zinnen einigermaßen trocken.




Auf dem Hochplateau nördlich von Bozen liegt nahe Jenesien mein nächster kleiner Campingplatz. Das angrenzende märchenhafte Landschaftsschutzgebiet Salten erkunde ich ausnahmsweise zu Fuß. Im Tal treffe ich auch meinen facebook-Freund Andreas Holzer bei einer schönen Abendrunde und einem Abendessen mit selbst gesammelten Pilzen.



Neben dem Vinschgau ist die Gegend im weiten Umkreis um die zentralen Dolomiten für mich bisher das Nonplusultra, was Landschaft und Motorradstrecken betrifft. Allein schon die Namen der Pässe und Orte treiben mir ein Grinsen ins gesicht: Sella, Pordoi, Würzjoch, Penserjoch, Karersee, Falzarego... Wegen des überwiegend regnerischen Wetters auf meiner Runde an diesem Tag entstanden hier kaum Fotos.



Letzte Station ist Laas im Vinschgau. Hier treffe ich mich mit Jürgen Theiner. In seinem Blog www.motorprosa.com unterhält er mich seit Langem mit seinen spannenden und unterhaltsamen Motorradgeschichten, seit Kurzemn auf www.moppetprosa.com mit seinem Bruder im Geiste Uli Biggemann, der die hervorragenden Fotos beisteuert. In Laas kommen endlich die Marillenknödel zum Zug, hier ist das Marmor- und Marillenzentrum. Ich muss ja wohl nicht extra erwähnen, dass das Stilfser Joch auf dem Plan steht, und zwar frühmorgens. Ich werde belohnt durch fast völlig freie Straßen und einen herrlichen Sonnenaufgang.




Am anderen Tag mit etwas unsicherem Wetter bleibe ich lieber tiefer unten. Sulden, Martelltal und Schnalstal mit dem abzweigenden Pfossental sind kaum weniger beeindruckend.




Am Rückreisetag darf ich das Stilfser Joch nochmal genießen, diesmal mit Rosa im Bus. Ich biege nämlich versehentlich zu früh links ab und nehme statt den Weg über das Val Müstair wieder den über den Stelvio. Trotz heute schon mehr Verkehr genieße ich das Geschlängel nochmal, auch den Espresso an der Tibethütte.




Über Umbrail-, Ofen- und Flüelapass führt der Weg nach Liechtenstein. Nach zähem Schleichen auf der übervölkerten Straße - ich will mir für die eher kurze Strecke keine Autobahnvignetten für Schweiz und Österreich zulegen - erreiche ich Abends mein Zuhause, wo ich mich freue meine Familie wiederzusehen.


Was ist mein Resumee aus dieser Reise? Ich genieße es Gegenden zu sehen, in denen ich noch nie war, dort neue Landschaften, Menschen, Speisen, Sitten kennenzulernen. So interessant und spannend die Küste und die Mitte Deutschlands auch waren, diese Landschaften können mich nicht so berühren wie die Berge, seien es die heimischen in Bayern und dem angrenzenden Österreich, die beeindruckenden himmelragenden Felstürme der Dolomiten oder die gewaltigen Massive von Ortler und Konsorten im Vinschgau.


Und zu guter Letzt: Diese Art des Reisens mit Motorrad und Bus hat sich für mich sehr gut bewährt. Ich bin zeitlich und örtlich ungebunden, deutlich weniger vom Wetter abhängig als mit dem Motorrad allein und im Zelt, und wohne preisgünstiger als in Pension oder Hotel.


Die Pläne für die nächste große Runde im kommenden Jahr reifen schon in meinem Kopf...


Ach ja, ich hatte zwar meine Kameras dabei, die aber eher wenig eingesetzt und den Großteil der Fotos mit dem Handy gemacht. Ich wollte irgendwann keine Jagd nach dem perfekten Bild mehr, sondern den Kopf frei haben für das unmittelbare Erleben.

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